Mediologie als Methode – Editorial

Mediologie als Methode
Von Régis Debray in den 90er Jahren in Frankreich erstmals eingeführt, fand die Mediologie rasch Anhänger unter namhaften Intellektuellen wie Jacques Derrida, Derrick de Kerkhoven u.v.a. und differenzierte sich in breiten Diskussionsplattformen wie den Zeitschriften Cahiers de Médiologie oder médium durch zahlreiche Autoren wie Daniel Bougnoux, Bernard Stiegler, Louise Merzeau, Pierre Lévy u.a. rasch aus.
Allgemein kann Mediologie verstanden werden als Untersuchungsmethode der komplexen Korrelation zwischen einem symbolischen Körper (z.B. einer ästhetischen Form), einer Form der kollektiven Organisation (z.B. einem Wirtschaftssystem) und einem technischen System der Kommunikation.
Obwohl dieser Ansatz keineswegs ohne Vorläufer ist, zielt die Mediologie in der Zuspitzung dieser Problematik auf einen blinden Fleck des Wissenschaftsdiskurses: auf die Frage nach der Medialität kultureller Übermittlungsprozesse (und mithin eigener Erkenntnisse).

In Deutschland wurde dieser Ansatz zunächst zögerlich rezipiert (u.a. von Peter Sloterdijk, Hans Belting, Joseph Vogl, Frank Hartmann), verweist jedoch auf eine Reihe von Fragen, die auch immer drängender ganz unterschiedliche Disziplinen berühren:
Was leistet die Mediologie für eine Bildwissenschaft, die nicht mehr nur Kunstgeschichte sein will, für eine Kulturwissenschaft, die die Materialität des symbolischen Austauschs kultureller Vermittlung zur Kenntnis nimmt, für eine Geschichtswissenschaft, die nicht mehr nur am Primat der geschriebenen (oder gedruckten) Quellen festhält, für eine Rechtswissenschaft, die das Rechtssystem nicht mehr allein als positivistische Textauslegung begreift, für eine Religionswissenschaft, die nunmehr mit der materialen Übertragung von Glaubenssystemen rechnet, für eine Philosophie, die die Medialität des eigenen Denkens beobachtet und nicht zuletzt auch für eine Medienwissenschaft, die sich weniger über die Definition des Medienbegriffs streiten als vielmehr das Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Faktoren bei medialen Übermittlungsprozessen erkunden will?

Zu dieser Frage wurde im Mai 2006 ein CfP für das Buchprojekt “Mediologie als Methode” initiiert.

Am 18. und 19. Mai 2007 fand eine Tagug zum gleichen Thema statt. Die Tagung Mediologie als Methode brachte Vertreter verschiedener Disziplinen aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und Frankreich zusammen, um gemeinsam eine Zwischenbilanz über die Rezeption der Mediologie in den jeweiligen Ländern zu ziehen, mögliche Missverständnisse aufzuklären, Publikationsprojekte vorzustellen und nicht zuletzt über neue wissenschaftliche Perspektiven für die jeweiligen Fachgebiete zu diskutieren und damit die Frage: Welches Potenzial hat die Mediologie als transdisziplinäre Methode?