Eröffnungsvortrag (Teil 2) von Thomas Weber

Wissenschaftspolitische Konnotationen oder Mediologie als transdisziplinäre Methode

Gehalten am 18.05.07

Der Stellenwert und die Bedeutung der Mediologie für den wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland lässt sich nur schwer abschätzen, allenfalls gewisse Perspektiven, die man eher mit Fragen, als mit Antworten resümieren kann. Im Call for Papers hatten wir einige provokative Fragen gestellt, auf die Antworten je nach Sichtweise der Autoren unterschiedlich ausfallen, ja vielleicht sogar die Fragen reformuliert werden:

Kurzum: wir haben versucht ein Fragefeld zu eröffnen, aus dem heraus die Mediologie als methodische Perspektive für verschiedene Disziplinen sichtbar werden könnte, als transdisziplinäre Methode, die je nach konkretem Forschungsfeld skaliert und justiert werden müsste, die aber bei aller Heterogenität im einzelnen zumindest einen gemeinsamen Fragegrund hat, ein gemeinsames Interesse, das die Eigenständigkeit eines mediologischen Projektes legitimiert.

Neben der vorhin skizzierten all­gemeinen Analysemethode der Korrelation von Ästhetik, Technik und Ökonomie scheint es zumindest eine Gemeinsamkeit der „Leer­stellen“ zu geben. Die Mediologie berührt dort einen blinden Fleck des Wissenschaftsdiskurses, wo sie nach der Konstitution dieses Diskurses fragt, nach den Diskursspielregeln und auch den materiellen Umständen der Wissens- und speziell der Wissenschaftsproduktion, was nicht zuletzt an Phänomenen greifbar wird wie z.B. der Differenz zwischen dem Text und seiner Inszenierung, die von den meisten textorientiert argumentierenden Disziplinen bisher vernachlässigt wurde.

Damit betreten wir nun jenen Bereich der wissenschafts­politischen Konnotationen, in die eine Tagung wie diese – ob wir wollen oder nicht – in der Außenwirkung auf jeden Fall gestellt werden wird, wie ich Ihnen nach Erfahrungen im Vorfeld versichern kann.

Ohne mich hier in Spekulationen über institutionelle Eigendynamik verlieren zu wollen, stellt sich die Frage, ob die Mediologie tatsächlich eine transdisziplinäre Methode ist, die verschiedene Disziplinen zu einer gemeinsamen Zusammenarbeit bewegen könnte.

Darin wäre sie dann sicher vergleichbar mit anderen Ansätzen, die es in den letzten Jahren immer wieder gegeben hat wie z.B. der Systemtheorie oder den Cultural Studies, die sich in vielen Belangen übrigens als kompatibel zu mediologischen Ansätzen erweisen. Es gibt jedoch eine wichtige Differenz, die inhaltlich auf eine andere Qualität zielt: Das Insistieren der Mediologie auf der Materialität von kulturellen Übermittlungsprozessen, wie oben schon dargelegt.

Perspektiven

Daraus ergibt sich nun auch die besondere Perspektive der Mediologie für ganz unterschiedliche Disziplinen, die, verstanden als transdisziplinäre Methode, der derzeit gängigen wissenschaftspolitischen Logik von Ausdifferenzierung und Entdifferenzierung der Disziplinen enträt, was ich an zwei Beispielen festmachen möchte:

1. Kulturwissenschaftliche Medienwissenschaft: Ausdifferenzierung

Mein erstes, wohl naheliegende Beispiel ist die in Deutschland entwickelte, kulturwissenschaftlich orientierte Medienwissenschaft. Ohne näher auf das Verhältnis von Mediologie und Medienwissenschaft eingehen zu wollen – was ich Ihnen als Textbeitrag für das Buchprojekt noch schuldig bleiben werde – zeigen sich hier wohl die größten Parallelen zur Mediologie und vielleicht auch die meisten Mißverständnisse, die es zu vermeiden gilt. Gestatten Sie mir daher dazu einige Anmerkungen.

Für die französischen Gäste muss zunächst die Besonderheit der deutschen Medienwissenschaft erläutert werden, die es in Frankreich in dieser Form so nicht gibt und die auch nicht mit den dort weit verbreiteten Infocoms zu vergleichen wären; ursprünglich hervorgegangen aus einer literaturwissenschaftlich orientierten Germanistik, beschäftigte sich Medienwissenschaft überwiegend mit der massenmedialen Bearbeitung fiktionaler Stoffe, mit der Ästhetik von Film und Fernsehen – ein Arbeitsbereich, der in den letzten zwei Jahrzehnten erweitert wurde um die Erforschung von Medien als Kulturtechnik, was weit über die aktuellen Massenmedien hinausweist (und wo sich sicher die meisten Parallelen zur Mediologie zeigen). Im Gegensatz zu der in Deutschland, quantitativ umfassender vertretenen Kommunikationswissenschaft, deren Wurzeln eher in der empirischen Sozialforschung liegen, geht es der Medienwissenschaft weniger um die Analyse aktueller, letzthin soziologisch verstandener Kommunikationsprozesse als vielmehr um die kulturprägende Kraft von Medien und ihre Ästhetik.

Die Ausdifferenzierung der Medienwissenschaft folgte dabei in Deutschland den verschiedenen Lesarten und Definitionen des Medienbegriffes. Dies zeigt sich in den letzten Jahren auch in einer gewissen Inflation von publizierten Einführungen in Medientheorie und Medienwissenschaft, die jeweils ihr eigenes Verständnis des Medienbegriffes propagierten und so eine Profilbildung von einzelnen Studiengängen oder Lehrstühlen vorantreiben wollten. Fast karikierend hat beispielsweise Hartmut Winkler in der zentralen Fachzeitschrift medienwissenschaft eine umfassende Definition des Medien­begriffs versucht, die in ihrer Komplexität die mittelalterliche Kunst der Sinnauslegung in den Schatten zu stellen scheint: Winkler definiert allein sechs zentrale, einander überlagernde Be­deutungs­achsen für unterschiedliche Lesarten von Medien, die jeweils weiter differenziert schließ­lich einen 63fachen Sinn des Medienbegriffs aufscheinen lassen.

Dass das Ergebnis eine zwar im einzelnen durchaus sinnvolle und inhaltlich begründete Ausdifferenzierung der Medienwissenschaft zur Folge hat, ist nur eine Seite der Medaille.

Dass dieses von außen betrachtet zersplittert wirkende Feld in der Konkurrenz mit anderen Disziplinen unter Umständen Probleme hat sich zu behaupten, die andere: Hier sei nur angemerkt, dass dies nicht zuletzt durch die in jüngster Zeit – zumindest Insidern bekannte – aufgetretene Rivalität zwischen der DGPUK (Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft) und der GFM (Gesellschaft für Medienwissenschaft) eine gewisse Brisanz bekommt im Hinblick auf den zukünftigen Zuschnitt der Disziplinen und damit auch auf die Verteilung von Ressourcen. [Was sich nicht zuletzt auch in den jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrat bezüglich der weiteren Entwicklung von Kommunikations- und Medienwissenschaft in Deutschland zeigt, siehe dazu: http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7901-07.pdf

Doch sollten wir uns hier nicht in verbandspolitischen Erwägungen von Vertretungs- oder auch Alleinvertretungs­ansprüchen verlieren: Jenseits dieser Debatten bietet die Mediologie gerade den neueren, integrativen medienwissen­schaftlichen Ansätzen eine Perspektive, in dem nicht das von den Medien Übermittelte im Fokus des Interesses steht, sondern der Prozess der medialen Übermittlung selbst und damit die technischen, organisatorischen und ästhetischen Dispositive zur Übermittlung. Kommunikationswissenschaftliche Ansätze sind nicht mehr Antipode, sondern wichtige Ergänzung von Überlegungen, die Programmzusammenhänge oder Inszenierungsstrategien visieren und damit nicht zuletzt auch kulturelle und gesellschaftliche Wirkungs- und Denkweisen herauszuarbeiten versuchen, mithin – also in einem weiteren Sinne – auch die politische Dimension dieser Prozesse erfasst.

2. Wissenskonstitution unter erschwerten Bedingungen: Entdifferenzierung

Mein zweites Beispiel betrifft die Bedingungen des wissenschaftlichen Diskurses selbst – ein Kernbereich der Mediologie, die eine Analyse der Tradierung von Wissensbeständen, d.h. der Bedingungen der Übermittlung von Wissen und damit letzthin auch von Wissenschaft vorschlägt. Das schließt eine Selbstbeobachtung von Wissenschaft durchaus mit ein, ein blinder Fleck für den wissenschaftlichen Beobachter mithin, der immer dann zögert, wenn er die materiellen Bedingungen seiner eigenen Disziplin als Teil der Wissenschaftsproduktion begreifen soll.

Zunächst sei hier vor einer gewissen Kurzschlüssigkeit gewarnt, die etwa direkt von der Höhe von Budgets auf die Qualität von Forschungsbedingungen und damit der Forschungsergebnisse schlösse. Es geht nicht um eine direkte Relation von sozialen Bedingungen und Wissensproduktion, als vielmehr um Referenz im Sinne von Bruno Latour, der – zugegeben – eigentlich kein Mediologe ist. Referenz ist nach Latour – hier vereinfacht gesagt – kein eindimensionaler Bezug, sondern ein sich wiederholender Zustand. In diesem Sinne aber wiederholen sich seit einigen Jahren ganz bestimmte Muster, die zusammengenommen eine Tendenz aufzeigen: Es geht hier also nicht um tagespolitische Debatten oder individuelle Befindlichkeiten, wohl aber um einen Wandel von Wissenschaftskultur, der in Deutschland in den letzten 15 Jahren doch recht massiv ausfiel; ohne hier in Details gehen zu wollen, seien hier neben der Umwälzung der Wissensvermittlung durch digitale Medien (die oft genug schon Gegenstand der mediologischen Debatte war und sicher auch auf dieser Tagung wieder sein wird) nur beispielhaft zwei Tendenzen genannt:

1. Zum einen die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse einer ganzen Generation vor allem von jüngeren Wissenschaftlern, verbunden mit einer allgemeinen Degradation der Wertschätzung von Arbeit und Wissen, wie sie etwa Dirk Baecker und insbesondere Manfred Füllsack in seiner Studie „Zuviel Wissen? Zur Entwertung von Wissen und Arbeit in der Moderne“, beschrieben hat und die so gar nicht ins gepflegte Bild der öffentlichen Statistiken zu passen scheinen. Wenn auch nicht gern gesehen und auch für das Selbstbild des Wissenschaftsbetriebes störend: Es wäre abwegig zu glauben, dies hätte keine Auswirkungen auf die Wissenschaftskultur…. – (Im übrigen hat es auch in Frankreich immer wieder solche Untersuchungen gegeben; ich erinnere nur an die oben erwähnte Studie Le Pouvoir intellectuel en France von Régis Debray oder kürzlich ein Bernard Lahire, der etwa auf die eigentlich unerträglich gewordenen Arbeitsbedingungen von Schriftstellern hinwies mit La condition littéraire – ein Buch, das in Frankreich gerade eine gewisse Aufmerksamkeit erregte).

2. Und zum anderen der Umbau der Hochschulen durch die Einführung von BA- und MA-Studiengängen, die vor allem für kleinere Fächer zu einer Existenz bedrohenden Belastung geworden sind und die die Logik der wissenschaftlichen Ausdifferenzierung, wie oben für die Medienwissenschaft beschrieben, umkehren könnte zu einer gesichtslosen Entdifferenzierung, bei der kleinere Fächer in größeren einfach aufgehen. Dies möchte ich hier nicht moralisierend bewerten und auch nicht allzu hoch hängen – letzthin kann es den einzelnen Wissenschaftlern egal sein, ob sie nun ihre Stelle formal in Germanistik oder in Bild- oder Medienwissenschaft halten. Doch wäre gegen die disziplinäre Zurichtung, die einer gewissen Beliebigkeit bzw. einer Logik institutioneller Eigendynamik folgt, nicht gerade auch ein dezidiert inter- oder transdisziplinäres Konzept entgegen­zuhalten?

Die Mediologie kann solche Tendenzen benennen und zum Gegenstand der Beobachtung machen. Verändern kann sie die disziplinäre Tendenz zur Entdifferenzierung auf organisatorischer Ebene sicher nicht.

Aber – lassen sie mich abschließend zusammenfassen – vielleicht eignet sich die Mediologie dazu, übergreifende Fragestellungen zu formulieren, an denen verschiedene Disziplinen gemeinsam arbeiten können und die sich durch eine gewisse gesellschaftliche, z.T. auch politische Relevanz auszeichnen. Auch wenn die Mediologie keinen eigenen Gegenstandsbereich hat, kann sie doch die verschiedenen Formen kultureller Übermittlung dort visieren, wo sie immer wieder zu Brüchen und Wider­sprüchen in der Gesellschaft oder der gesellschaftlichen Auseinandersetzung füh­ren, wo Wertmaßstäbe aufeinan­derprallen und damit Machtverhältnisse sich mani­festieren.

Daraus ergeben sich zahlreiche Fragen über die im Verlauf der Tagung sicher zu diskutieren sein wird: etwa nach der materiellen Kraft des Religiösen, nach der Veränderung der Wissenskonstitution und von Bildungswegen, nach der Kollision der Wertmaßstäbe verschiedener Medien- und Wissen- oder Wissenschaftssysteme, nach der Konstruktion und Wirkung von medialen oder paramedialen Inszenierungen – also des Erscheinens von Präsenz wie Martin Seel es einmal nannte – als Leitbild und Plausibilisierungsstrategie (d.i. nun eines meiner Spezialgebiete), oder mithin nach der kulturhistorischen Perspektivierung politischer Kommunikation – um nur einige der möglichen Beispiele zu nennen, die sich erhellend auf viele Themen anwenden lassen, an denen auch ein breiteres öffentliches Interesse besteht. In Frankreich jedenfalls hat dies durchaus ja auch immer wieder geklappt, wenn ich an die Cahiers de Médiologie oder andere Veröffentlichungen denke.

Soweit fürs erste meine einleitenden Überlegungen, die von den Fachvorträgen sicher noch vertieft werden. Ich wünsche Ihnen jedenfalls eine Menge neuer Anregungen und würde nun Platz machen für den ersten Vortragenden.