Eröffnungsvortrag (Teil 1) von Thomas Weber

Eröffnungsvortrag zur Tagung Mediologie als Methode

Von Thomas Weber

Gehalten am 18.05.2007

Seminar für Medienwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

es freut mich ganz besonders, Sie hier in Berlin im Seminar für Medienwissenschaft zur Tagung „Mediologie als Methode“ begrüßen zu dürfen. Das ist in diesem Fall keine Selbstverständlichkeit, denn das Projekt hat eine etwas ungewöhnliche Entwicklungsgeschichte.

Wie einige von Ihnen wissen, war ursprünglich zunächst gar keine Tagung, sondern nur ein Buchprojekt geplant, für das es auf den ersten Call for Paper eine unerwartet große und hochkarätige Resonanz gegeben hatte – leider konnten zahlreiche Autoren, die schriftliche Beiträge für das Buch zugesagt haben, aus Termingründen nicht kommen. Das lag nicht zuletzt auch an der etwas kurzfristigen Tagungsplanung. Erst durch die Finanzierungszusage der Fritz-Thyssen-Stiftung konnte diese Veranstaltung überhaupt realisiert werden, auch wenn dafür letzthin nur 3 Monate Zeit blieben, es einige Turbulenzen gab und vielleicht das ein oder andere in aller Kürze auch improvisiert werden mußte.

Die Tagung versammelt erstmals Teilnehmer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, sowie Mediologen der ersten Stunde, Mitbegründer der Mediologie aus Frankreich, um über die Chancen und Möglichkeiten zu diskutieren, die die Mediologie für die jeweils unterschiedlichen Fachdisziplinen eröffnet.

Tagungsziel ist für uns zunächst, die verschiedenen parallel und z.T. untergründig verlaufenden Diskussionen, die in den letzten Jahren sich im deutschsprachigen Raum zum Thema Mediologie entwickelten, zu bündeln und wechselseitig überhaupt erstmals bewußt zu machen. Vielleicht auch einige Mißverständnisse aufzulösen, in jedem Fall über gemeinsame Perspektiven zu sprechen, nicht zuletzt auch in publizi­stischer Hinsicht.

Wir möchten die Eröffnung heute morgen recht übersichtlich halten - sie soll nicht zum ersten Fachvortrag der Tagung werden.

Nach ein paar Informationen zum Tagungsablauf, möchte ich zunächst eine knappe Einführung in die Mediologie und ihren Diskussionsstand geben, da nicht alle Teilnehmer an dieser Tagung sich gleichermaßen mit Mediologie beschäftigt haben; anschließend wird Birgit Mersmann kurz aus ihrer Sicht über Entwicklungsmöglichkeiten der Mediologie sprechen, bevor ich dann noch mal auf wissenschaftspolitische Konnotationen und Perspektiven der Mediologie komme, was ich sehr allgemein halten möchte und vorab mit einem Fragezeichen versehe, da hierzu die Vortragenden sicher noch eigene Ideen vertiefend darlegen werden.

 

 

Grundlegendes zur Mediologie

Beginnen wir zunächst grundlegend: Mediologie – Was ist das überhaupt?

Als ich mich etwa Mitte der 90er Jahre erstmals in Frankreich mit Mediologie beschäftigte, hatte ich eine Art neuer Medientheorie erwartet, die helfen könnte, die begriffliche und definitorische Spaltung der deutschen Medienwissenschaft zu überwinden.

Doch die dort entwickelte Mediologie gab Antworten auf Fragen, die ich so gar nicht gestellt hatte. Sie passte auch nicht in das Erwartungsschema, mit der in der Vergangenheit immer wieder Theorieentwürfe aus Frankreich in Deutschland rezipiert wurden.

Schon rasch wurde mir klar, dass die Mediologie mit Medienwissenschaft nichts oder nur wenig zu tun hat; sie definiert sich nicht nur nicht durch den Gegenstand „Medien“, sondern verzichtet ganz auf eine Definition des Medienbegriffs. Sie ist strenggenommen nicht einmal eine Medientheorie und erhebt auch nicht diesen Anspruch.

Hinzukommt, dass mediologische Ansätze seit den 90er Jahren von einer wachsenden Anzahl von Autoren, Künstlern und vor allem Wissenschaftlern ganz unterschiedlicher Provenienz unterschiedlich akzentuiert werden. Entsprechend ausdifferenziert ist das wissenschaftliche Diskursfeld, was auch ihre Rezeption in Deutschland nicht begünstigt hat, wo Verlage eher Erfolge mit griffigen Medien- und Kulturtheorien im Stil eines Paul Virilio hatten….

Entsprechend gibt es auch keine einfache Definition der Mediologie.

Die wohl allgemeinste findet sich auf der französischen Website der Mediologen, die ich hier etwas verkürzt paraphrasiere: Die Mediologie untersucht die Korrelation zwischen einer symbolischen Form, einer Form der kollektiven Organisation und einem technischen System der Kommunikation. Kurzum, es geht um die Analyse der symbolischen, materiellen und organisatorischen Form einer Idee. Dabei gilt die Mediologie als wissenschaftliche Methode, die sich weniger auf die Analyse von Kommunikations- als vielmehr von kulturellen Übermittlungsprozessen konzentriert, die im Hinblick auf ihre Wirkungsweise untersucht werden; also daraufhin, welche Strategien der Glaubwürdigkeit oder Plausibilität zur Anwendung kommen.

Ist die Mediologie damit nun eine Wissenschaftsdisziplin in Gründung, wie einige, vor allem auch Kritiker der Mediologie meinen, oder definiert sie sich eher als Methode? Der Methodenbegriff wird dabei sicher nicht in einem strengen, gar naturwissenschaftlichen Sinn verstanden, sondern als eine Form der Aufmerksamkeit, die ihr Augenmerk auf die oben beschriebenen Prozesse legt.

Doch lassen Sie mich der Reihe nach vorgehen:

Erstmals taucht der Begriff „Mediologie“ 1979 in der von Régis Debray vorgelegten Studie Le pouvoir intellectuel en France auf, wird dort aber noch nicht programmatisch ausgeführt. In dem zwölf Jahre später veröffentlichen Cours de médiologie générale stellt Debray klar, daß der Begriff Mediologie sich keineswegs nur auf Massenmedien bezieht. Das Wort „Medio“ steht nicht für „Medium“, sondern bezeichnet ein Ensemble von technisch und sozial bestimmten Mitteln der symbolischen Übermittlung.

Ausgangspunkt für die Mediologie ist die Frage nach der symbolischen Wirkungskraft von Zeichen, deren Übermittlung nicht nur von der gesellschaftlichen Organisation, sondern in zunehmendem Maße auch von technischen Medien bestimmt wird. Es geht dabei nicht um die Bedeutung oder um den Sinn der Zeichen (was in anderen Disziplinen wie z.B. der Semiologie verhandelt wird), sondern um ihre Effizienz oder ihre Macht.

Als Analysemethode schlägt die Mediologie die Untersuchung der komplexen Korrelation zwischen einem symbolischen Körper (einer Doktrin, einem künstlerischen Genre, einer Religion etc.), einer Form der kollektiven Organisation (einer Partei, einer Schule, einem Industriezweig etc.) und einem technischen System der Kommunikation (technisches Medium, Archivierungssystem etc.) vor. Dabei setzt die Analyse bei dem Begriff „transmettre“ an, den man im Deutschen am ehesten mit „übermitteln“ übersetzen könnte, da „transmettre“ im Gegensatz zu „kommunizieren“ nicht an sprachliche Codes gebunden ist und ebenso die Übermittlung von Ideen wie von materiellen Gütern bezeichnen kann. So läßt sich Geld oder Grundeigentum genauso übermitteln oder übertragen wie politische Macht oder ein Fußballspiel.

Während Kommunikation prinzipiell ein räumlicher Transport ist, der ein Netz knüpft (wie z.B. das WWW), bei dem es immer einen Sender und einen Empfänger gibt, die zwar an unterschiedlichen Orten, nicht aber in verschiedenen Zeitaltern sein können, ist die Übermittlung ein Transport in der Zeit, der zeitlich voneinander entfernte Subjekte miteinander verbinden und sogar zwischen Toten und Lebenden vermitteln kann. Sie erfordert nicht die physische Präsenz eines Senders und kann sich über Jahrhunderte hinweg vollziehen.

Die kulturelle Übermittlung ist immer geknüpft an materielle Bedingungen, und zwar in doppelter Weise: zum einen durch die konkrete Organisation des Materials, also z.B. von Farbe und Leinwand zu einem Gemälde, zum anderen durch die materielle Organisation, das heißt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Diese Materialität wurde bisher in den ideenorientierten Diskursen des Abendlandes meist ignoriert oder sogar negiert, wie Debray kritisiert. Für sie mache es keinen Unterschied, ob eine philosophische Idee mit Tinte und Feder, Schreibmaschine oder PC zu Papier gebracht, ob ein Manuskript handschriftlich kopiert oder mittels Rotationspresse vervielfältigt und verbreitet wurde, da sie die Ideen losgelöst von ihren materialen und materiellen Produktions- und Rezeptionsbedingungen betrachten.

Debray hält dagegen, dass die Mediologie gerade jene unscheinbaren, von der Philosophie häufig verachteten Mittel und Techniken genauer untersuchen müsse, um auch die Wirkung von Symbolen verstehen zu können, also die Art und Weise, wie eine immaterielle Idee zu einer materiellen Macht wird. Dies ist nun nicht nur ein Plädoyer für die stärkere Berücksichtigung von Technikgeschichte, sondern es geht um die Korrelation ganz unterschiedlicher technologischer, soziologischer, religiöser, politischer oder künstlerischer Faktoren.

Dabei gibt es auch zwischen verschiedenen Vertretern der Mediologie durchaus unterschiedliche Ansätze, die nicht zuletzt zugespitzt in der Frage gipfeln, ob die Mediologie sich überhaupt mit Medien beschäftigen soll. Während Debray davon tendenziell eher abrät, da Medien und vor allem Massenmedien nur den flüchtigen Endpunkt einer viel längeren Geschichte bilden, plädiert etwa Daniel Bougnoux durchaus für eine Analyse auch aktueller Mediendispositive.

Kurzum: Kein monokausales Modell zu einer allgemeinen Medien- und Zivilisationskritik wird hier entworfen, sondern eine komplexe Vorgehensweise, die auf die Untersuchung der vielschichtigen Veränderungen von Denkweisen zielt, die in zunehmendem Maße auch durch technische Medien vermittelt werden.

Im Kern – und dies macht vielleicht auch die Anziehungskraft der Mediologie für unterschiedliche Disziplinen von der Archäologie zur Philosophie, von der Religions- zur Kommunikationswissenschaft aus – geht es der Mediologie um die Materialität oder genauer gesagt die Medialität kultureller Übermittlungsprozesse. Oder anders gesagt um die Frage, auf welche Weise sich Wissen in einer Kultur oder Gesellschaft konstituiert und die Maßstäbe, die es plausibilisieren sollen.

Das wird vielleicht an einem Beispiel deutlicher: Während eine kulturwissenschaftlich orientierte Medienwissenschaft sich vor allem mit der Medienentwicklung beschäftigt, geht es der Mediologie eher um die Veränderung von Dispositiven, die von ganz unterschiedlichen Faktoren geprägt werden. Wo sich eine Medienwissenschaft beispielsweise mit der Feststellung begnügte, dass die Einführung des Buchdrucks eine Medienrevolution einleitete, wird die Mediologie eine differenziertere Analyse einfordern: Nicht der Buchdruck selbst, den die Chinesen schon einige Zeit zuvor erfunden hatten und der auch im Abendland nicht völlig unbekannt war, wird dabei als Motor eines Umbruchs identifiziert werden, sondern die Erfindung des Buchsatzes mit beweglichen Lettern, die Herausbildung eines Verlagswesens und nicht zuletzt auch die sich ausweitende Lesefähigkeit der Bevölkerung.

Dabei wird keineswegs nur auf vordergründige mediale Dispositive gezielt, sondern auch auf andere Formen von kulturellen Übermittlungsprozessen wie z.B. die Rolle von Verkehrsnetzen – von der, um im Beispiel zu bleiben, auch die Entwicklung der großen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt abhing -, und somit durchaus auch für die kulturelle Entwicklung von großer Bedeutung sein kann.

Rezeption in Frankreich

In Frankreich hatte dieser Ansatz in den 90er Jahren einen ungewöhnlichen Erfolg zu verzeichnen: Ohne institutionelle Anbindung – oder vielleicht auch gerade deswegen – gründete sich 1996 die französische Gesellschaft für Mediologie, AD REM genannt, die verschiedene Aktivitäten der Mitglieder koordiniert unter anderem auch die Publikation in verschiedenen Organen. Seither werden in unregelmäßigen Abständen verschiedene Publikationen wie die travail médiologiques herausgegeben, also die „mediologischen Arbeitshefte“ und die Zeitschrift Cahiers de Médiologie, ein aufwendig gestaltetes Bi-Annuel, das mit einer durchschnittlichen Auflage von 7000 Exemplaren in den Anfangsjahren ein deutlich breiteres Publikum für die Mediologie erschloss als für Fachzeitschriften üblich und schließlich auch zu einer eigenen, regelmäßig ausgestrahlten Radiosendung führte. Die Cahiers wurden schließlich 2004 von der Zeitschrift Medium abgelöst. Ich freue mich, dass hier mit Daniel Bougnoux und Louise Merzeau zwei Redakteure der ersten Stunde bzw. mit France Renucci eine Redakteurin auch von médium begrüßen zu können, die uns heute Abend sicher noch ihre Vorstellung von Mediologie näher erläutern werden.

Hier sei zu den Cahiers de Mediologie nur soviel gesagt, dass Autoren aus den unterschiedlichesten Disziplinen Beiträge zu heterogenen Themen wie z.B. die „Straße“, das „Papier“, oder das „Fahrrad“ publizierten – womit die Spannbreite des mediologischen Arbeitsfeldes sich bereits andeutet.

Auch die Liste der Autoren oder der Teil­nehmer­ von zahllosen Kolloquien, Tagungen oder Sonder­veranstaltungen ist lang: ein Internet-Philosoph wie Pierre Lévy findet sich ebenso wie ein Jacques Derrida, ein Bernard Stiegler ebenso wie der bekannte Filmkritiker Jean-Michel Frodon oder der französische Ex-Premierminister Laurent Fabius, der schon mal zu einer mediologischen Sondersitzung ins Parlament einlud.

Zwar blieb die Mediologie als Projekt nicht unumstritten (ich erinnere nur an die Reaktion von Pierre Bourdieu), doch ist es ihr letzthin gelungen, nicht nur neue Impulse einem z.T. festgefahrenen wissenschaftlichen Diskurs zu geben, sondern auch Wissenschaftsdebatten zu einer gewissen Popularität zu verhelfen.

Rezeption in Deutschland

In Deutschland dagegen kann man allenfalls von einer vereinzelten Rezeption sprechen, zumindest, wenn man sich nur auf die „expliziten“ Bezüge auf die französische Mediologie bezieht. So fällt in der deutschen Diskussion von Mediologie zunächst auf, dass es einerseits in wenigen Ausnahmefällen eine recht prominente Auseinandersetzung gegeben hat z.B. bei Peter Sloterdijk, Hans Belting, Lorenz Engell, Joseph Vogl oder auch Walter Seitter und Hartmann (heute anwesend), um hier nur einige zu nennen (aber sehr viel mehr sind es auch nicht). Andererseits wurde seit den 80er Jahren auch hierzulande implizit eine Debatte geführt, die in hohem Maße Parallelen zur französischen Diskussion aufweist. Neben philosophischen Ansätzen, die auf der Materialität medialer Übermittlungen insistieren, wie etwa von Sybille Krämer, oder weiter entwickelten semiologischen oder sprachwissenschaftlichen Ansätzen wie von Ludwig Jäger oder Uwe Wirth zum Beispiel, ist hier allen voran sicher die Herausbildung einer kulturwissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft zu nennen, auf die ich gleich noch näher eingehe.

Für die Parallelen gibt es nun unterschiedliche Gründe: Einerseits gibt es eine Reihe von gemeinsamen Vorläufern, auf die man sich gleichermaßen bezieht, wie etwa Walter Benjamin oder Marshall McLuhan, die in beiden Ländern Pate für einen ähnlichen Ansatz gestanden haben. Andererseits sind einige Fragestellungen durchaus vergleichbar, auch wenn sie sich in jeweils unterschiedlichen nationalen Diskursfeldern entwickelt haben. Diese sind – so ist einzuräumen – allerdings überwiegend von Unkenntnis der Diskussionen der jeweils anderen Länder geprägt und d.h. auch von entsprechenden Mißverständnissen. So hat die deutsche Nicht-Rezeption der französischen Mediologie ihr Pendant in der französischen Nicht-Rezeption zentraler deutscher oder in Deutschland weit verbreiteter Ansätze wie etwa dem von Niklas Luhmann oder dem der Cultural Studies, die erst vor wenigen Jahren ins Französische überhaupt übersetzt wurden – insofern wären die Differenz von Diskurskulturen selbst wiederum ein mediologisches Problem par excellence, das neben mangelnden Übersetzungen auch einfach auf differente Selektionsmechanismen der universitären Hierarchien verweisen müsste.

Nicht zuletzt haben die Parallelen noch eine andere gemeinsame Basis, die weniger auf manifesten Sachverhalten und Ideen beruht, als vielmehr Lücken und Leerstellen, also einem Wünschen, das die französische Mediologie und eine Vielzahl von deutschen Ansätzen verbinden könnte. Gibt es mithin eine Lücke im Wissenschaftsbetrieb, die mit den Mitteln der jeweiligen Fachdisziplinen nicht zu schließen ist? Oder öffnet die Mediologie gar neue Perspektiven, stellt also Fragen, an die bisher gar nicht gedacht wurde?