Eröffnungsvortrag Birgit Mersmann

Eröffnungsvortrag zur Tagung Mediologie als Methode von Birgit Mersmann gehalten am 18.05.07

Mediologie als Methode ist enorm vielseitig in ihrer Anwendbarkeit, wendig im Umgang und produktiv im Hinblick auf ihr Output. Sie verfügt über ein unschätzbares inter- wie transdisziplinäres Potential, das es überhaupt erst auszuschöpfen gilt. Die hier veranstaltete Tagung will eine erste Bestandsaufnahme liefern, wo Mediologie als transdisziplinäre Methode greift, wo ihre Leistungen und Potenziale liegen, aber auch wo sie an Grenzen, und seien es ihre eigenen, stößt.

Optimistisch stimmt zunächst das breite Spektrum der Disziplinen, deren Interesse unser Mediologie-Projekt geweckt hat und die auf dieser Tagung repräsentativ mit Einzelbeiträgen vertreten sind. Wir werten dies als ein ermunterndes Signal und einen ersten Beleg dafür, wie fächerübergreifend Mediologie als Zugriffsinstrumentarium zu agieren und wie forschungsinnovativ sie zu wirken vermag.

Eine der vielen disziplinären Perspektivfragen, die wir, Thomas Weber und ich, als Tagungsinitiatoren und -veranstalter zur Diskussion stellen möchten, berührt mich und meine derzeitigen Forschungen, die sich im Schnittfeld zwischen Kunst-, Bild- und Medienwissenschaft bewegen, im Kern: Was kann die Mediologie für eine Bildwissenschaft leisten, die nicht mehr nur Kunstgeschichte sein will?

Bevor ich ein sehr spezifisches, aus meinem persönlichen Forschungsinteresse erwachsenes Beispiel dafür geben will, wie die Mediologie für bildwissenschaftliche Fragestellungen nutzbar gemacht werden kann, möchte ich die zuvor aufgeworfene Frage noch etwas grundsätzlicher angehen und das Aufkommen derselben zu ihrer Vorgeschichte in Beziehung setzen. So möchte ich behaupten, dass ein ganz wesentlicher Impuls – wenn auch nicht der alleinige – für die Formierung der so genannten Bildwissenschaften von der Mediologie, namentlich von Régis Debray als einem ihrer Hauptvertreter ausging. Insbesondere sein Buch Vie et mort de l’image, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel Jenseits der Bilder. Eine Geschichte der Bildbetrachtung im Abendland im Avinus-Verlag erschienen ist, kann im Rückblick als ein erster gewichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung einer genuin bildwissenschaftlichen Forschung betrachtet werden. Debrays bildmediologische Betrachtung des Abendlandes gab – auch für mich persönlich – die Initialzündung, die Bilderfrage unabhängig von 1. der Sprachfrage und 2. der Kunstfrage als medien-, kultur- und sozialanthropologische Frage zu stellen und dabei kulturelle Übermittlungsprozesse in den Blick zu nehmen. Sie leistete radikaler als je zuvor Kritik am verbozentristischen Dogmatismus der Nicht-Hintergehbarkeit der Sprache, an der Assimilation des Sichtbaren an das Lesbare, wie es Frank Hartmann formuliert hat, und beförderte eine mediale Ausdifferenzierung, um nicht zu sagen fein säuberliche Separierung zwischen dem Visuellen und Verbalen, dem Sichtbaren und dem Sagbaren bzw. Lesbaren. „[…] die Ausdrucks- und Übermittlungsfähigkeit des Bildes geht andere Wege als den einer (natürlichen oder künstlichen) Sprache“, heißt es bei Debray. Ein Bild ist kein Text. Zeigen wird nie Sprechen sein. Das Bild besitzt weder Syntax noch Grammatik, es ist weder wahr noch falsch, weder widersprüchlich noch unmöglich. Da es nicht argumentiert, kann es auch nicht widerlegen. Diese mediologische Emanzipierung des Bildes von der Sprachordnung ist einer der Begründungsstränge, der den Weg zur Etablierung der Bildwissenschaften Anfang der 90er Jahre ebnet.

Ein anderer Begründungsstrang betrifft das Herauswachsen des Bildes aus dem Kontext der Kunst und Kunstgeschichte. In Hans Beltings Buch Bild-Anthropologie, das den Untertitel Entwürfe für eine Bildwissenschaft trägt und – zusammen mit Gottfried Boehms Buch Was ist ein Bild? – als ein Gründungsdokument der deutschsprachigen Bildwissenschaft angesehen werden kann, wird diese Ablösung des Bildes von der Kunst und seine Einschleusung in eine Medienanthropologie virulent. Eine solche Verschiebung ist auf dem Boden der historischen Anthropologie und der Mediologie gewachsen. Wie viel die Bild-Anthropologie Belting’scher Prägung als ein prominenter Zweig der Bildwissenschaften dem Mediologie-Programm verdankt, wie es insbesondere von Debray entwickelt wurde, hat sich mir erst im Rückblick auf ein Jahrzehnt bildwissenschaftlicher Forschung deutlich erkennbar gezeigt. Der Ansatz, Bildproduktion und -rezeption als anthropologische Grundleistung zu verstehen und daher Bild, Körper und Medium wechselseitig aufeinander zu beziehen, die Idee eines bildmedialen Doppelkörpers, der sich in der Reziprozität von Bildkörper und Körperbild ausdrückt, sowie das ausgeprägte Interesse am Zusammenspiel zwischen Bildtechnik, Bildübermittlung und Bildkultur verweisen eindeutig auf eine mediologische Fundierung. Im Grunde lässt diese Rückbindung die These zu, dass die Mediologie bereits eine gewichtige Leistung vollbracht hat: nämlich die Geburt einer Bildmedienanthropologie aus dem Geiste der Kunstwissenschaft.

Was kann nun die Mediologie darüber hinaus für die von ihr mitproduzierte und daher mit zu verantwortende Bildwissenschaft leisten? Ich möchte Ihnen ein sehr konkretes Beispiel aus meiner eigenen Forschung präsentieren. Noch immer beschränkt sich die Bildwissenschaft allzu oft darauf, eine Bildmedienwissenschaft zu sein, die sich auf die Medialität und medientechnische Übertragbarkeit von Bildern kapriziert. Den kulturellen Übermittlungsprozessen von Bildern, insbesondere den interkulturellen, wird nur selten Rechnung getragen. Dies ist umso erstaunlicher, als Bilder nicht einfach nur übertragen werden, sondern auf ihren globalen Wanderwegen immer auch etwas von sich selbst, ihrem kulturellen Erbe, ihrer Tradition, ihrer Kodifizierung mit übertragen. Die von Régis Debray in Abgrenzung zu Kommunikation definierte kulturelle Übermittlung scheint mir ein geeignetes Konzept und Instrumentarium zu bieten, solche interkulturellen Prozesse der Bildkulturübertragung fassen zu können. Das Transmissionskonzept induziert eine Erweiterung von der Sprach- zur Kulturübersetzung und inkludiert damit grundsätzlich auch Bildübertragung als Bildkulturübersetzung: Ich zitiere Debray aus Die Zeit der Übermittlung: „Die Kommunikation hält sich aufgrund ihrer Matrixverbindung mit den Massenmedien in erster Linie an das Universum der sprachlichen und verwandten Zeichen (die ‚musikalische Sprache’, die ‚filmische Sprache’), während die Übermittlung jenseits und unterhalb des Verbalen noch ganz andere Sinnträger einschließt: Gesten und Orte genauso wie Wörter und Bilder, Zeremonien ebenso wie Texte, Körperliches und Architektonisches ebenso wie ‚Intellektuelles’ und ‚Moralisches’“.[1] Bilder fungieren neben anderen Trägermedien und Symbolhandlungen als zentrale Transmitter. Dass Übermittlung über Körper/schaften erfolgt, trifft in besonderer Weise auf die Bildübermittlung zu, denn Bilder werden von Körpern generiert, aufgeführt und rezipiert und über Körper/schaften übertragen. „Eine Übermittlung“, heißt es bei Debray, „ist eine durch einen individuellen und kollektiven Körper – in der Doppelbedeutung von ‚dies ist mein Leib’ und ‚die Körperschaften’ – optimierte Kommunikation. Es gibt durchaus Kommunikationen, die unmittelbar und direkt sind, von ‚Herz zu Herz’ gehen, aber eine Übermittlung ist niemals unmittelbar oder unpersönlich. […] Ferner gibt es zwar Kommunikationsakte, doch Übermittlung ist immer ein Prozess in Form einer Prozession (im Griechischen paradosis, was mit Tradition übersetzt wird).“[2]

Übermittlung entfaltet sich als ein historisches Kontinuum, durch das sich Kultur als Tradition ausbildet und definiert. Weil Bilder maßgeblich an diesem Prozess beteiligt sind, stellen sie materialisierte Repräsentationen des kollektiven Gedächtnisses dar. Aufgeladen mit Kultur, transformieren sie selbst zu Kulturtransmittern. Als solche sind sie automatisch in interkulturelle Übertragungs- und Austauschprozesse eingebunden. Weil Übermittlung symbolische und kulturelle Mediation als Streckenverlauf einschließt, ist sie meines Erachtens dazu prädestiniert, als leitendes Instrumentarium für die Untersuchung interkultureller Bildtransferprozesse als Bildprozessionen zu fungieren. Mediologie kann in dieser Hinsicht einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten, Bildkulturwissenschaft als Translationsforschung zu betreiben.

Ich möchte mich ganz herzlich bei allen ideellen, finanziellen und organisatorischen Förderern dieser Tagung bedanken, namentlich bei der Fritz Thyssen Stiftung, der Französischen Botschaft und dem Seminar für Kultur- und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin. Uns allen wünsche ich eine inspirierende und produktive Tagung unter dem Valéryschen, von Debray übernommenen Motto, dass der größte Triumph des Menschen darin besteht, „die Wirkungen und Früchte der Arbeit vom Vortrag auf den nächsten Tag zu übertragen.“



 

[1] La communication „s’en tient prioritairement, du fait de son lien matriciel avec les mass-médias, à l’univers des signes linguistiques ou apparentés (le langage musical, le langage filmique), alors que la transmission inclut, au-delà et en deçà du verbal, bien d’autres supports du sens: des gestes es des lieux autant que de mot et des images, de cérémonies autant que des textes, du corporel et de l’architectural autant que ‘l’intellectuel’ et du ‘moral’“. Régis Debray: Introduction à la médiologie, Paris 2000, S. 9.

 

[2] Une transmission est une communication optimisées par un corps, individuel ou collectif – au double sens de «ceci est mon corps» et de «les grand corps». S’il est des communications immédiates, directes, joyeusement, transitive, une transmission est ni immédiate ni impersonnelle. Ce peut être une relation interpersonnelle, techniquement appareillée, mais ou l’interface technique n’est pas condition suffisante. Ensuite, s’il y a des actes de communication, la transmission est toujours un processus, en forme de procession (en grece paradosis, traduit par tradition). Régis Debray: Introduction à la médiologie, Paris 2000, S. 4.